Reaktionen aus dem Netz

Viel mehr als ein historischer Roman von Leserin G. Helbig

Ursula Janssens Roman „Die drei Betrüger“ hat es in sich, erfordert Mitdenken und die Bereitschaft dazuzulernen.
Der Inhalt ist auf der Handlungsebene schnell erzählt: Ein Buchgelehrter bekommt in der Endphase des Dreißigjährigen Krieges den Auftrag, ein umstrittenes religiöses Werk zu finden.
Der eigentliche Inhalt ist weitaus komplexer, geht tief in religions-philosophische, historische und moralische Erörterungen, vergleicht Religionen und Moralvorstellungen, thematisiert den Umgang mit Blasphemie.
Kein Easy Reading!

Der Protagonist Hieronymus Bender hat es schwer. Er lebt in finsteren Zeiten, nicht nur von Krieg und Plünderung geprägt, auch und vor allem von religiösen Verwicklungen, Verwirrungen und Verwerfungen.
Wer in dem von mystischen Andeutungen, Vorschriften und Verboten bestimmten Leben auffällig wird, hat meistens schon verloren.

Durch glückliche Zufälle und einen wohldotierten Geheimauftrag lernt Hieronymus fast alle wichtigen historischen Figuren seiner Zeit kennen. Er ist nicht an ihnen sondern an ihren Bibliotheken interessiert.
Abenteuerliche Reisen durch kriegszerstörte Landstriche werden anschaulich und sachkundig geschildert.

Sachkunde ist für mich das Schlüsselwort zu diesem Buch. Aus jeder Zeile wird sie deutlich. Hinter jedem geschriebenen Satz lauern ein Dutzend ungeschriebene mit noch mehr Information.
Ich mag so etwas. Ich hoffe sehr, dass ich damit Mainstream bin, fürchte aber, dass das feine Werk von Ursula Janssen nicht auf jedem Nachttisch landen wird.
Ich wünsche es der Autorin aber. Ich wünsche ihr Erfolg und den Mut, noch weitere so sachkundige Bücher zu schreiben.


Eintauchen in eine Zeit, in der die Weichen für die unsere gestellt wurden…  von Leser ihyestil

Eine vielschichtige Reise durch eine wenig bekannte Zeit und eine tolle Parabel auf die großen Fragen des Lebens.

Eine Rahmenhandlung, eine Binnenhandlung und als Leser steht man zu beiden Erzählungen (der knapp gehaltenen äußeren wie der auserzählten inneren) in einem Abstand von satten dreihundert Jahren. Dass diese Reise, die fast wie eine Odyssee anmutet – und nein, das ist kein Zufall, denke ich -, eine Menge Stoff zum Nachdenken bieten würde, habe ich mir nach den Erfahrungen mit “Die Spur des Emirs” bereits gedacht und wurde in keiner Weise enttäuscht. ‘Die drei Betrüger’ ist eine absolut lesenwerte Leseerfahrung, die jedem ans Herz gelegt sei, der gern auch unter die Oberfläche eines Romans eintaucht!
Ursula Janßens Roman ist kein typischer historischer Roman. Das Wort Parabel habe ich oben nicht zufällig verwendet, denn hier ist vieles verdichtet, die Spuren verschiedenster berühmter Schriften und ganzer Bibliotheken und historische Figuren von höchstem Rang geben sich ein Stelldichein in der gralsartigen Suche (auch das keine zufällige Assoziation, sondern von der Autorin sicherlich bewusst erzeugt) des fiktiven Protagonisten Hieronymus Bender. Und die Parallelen und die Moral, die sich aus seinen Erlebnissen für unsere heutige Zeit ziehen lassen, sind nicht zu übersehen.
Die Macht der Bücher bildet einen entscheidenen Aspekt in dieser Geschichte: Bücher, die ihre Wirkung entfalten und dann verlieren; Bücher, die nur Personen zugänglich sind, die sich fremden Sprachen öffnen; Bücher, die niemand lesen kann und von denen trotzdem eine geradezu unheimliche Sogwirkung ausgeht – und Bücher, die (vielleicht) gar nicht existieren, und die trotzdem die größten Geister beschäftigen und Unglaubliches auslösen können.
So wirft die Geschichte des Hieronymus Bender und der vielen anderen Bibliophilen und Bibliomanen, die in dieser Geschichte auftreten, viele Fragen auf. Offensichtlich die Frage nach der Existenz des berüchtigten Manuskripts, das Bender suchen soll. Die nach der Legitimität der drei großen monotheistischen Religionen. Etwas weniger offenkundig die nach der eigenen Haltung zu der Frage, ob es Gott überhaupt gibt. Und die Frage nach der Bedeutung einer vielleicht vollkommen sinnlosen, weil ziellosen Suche.
Aber besonders auch die Frage nach Glaube und Religion, nach unserem eigenen Bild von Frömmigkeit in früheren Zeiten wird auf den Prüfstand gestellt und vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges ein Panorama samt einer beachtlichen Riege historischer Figuren vor dem Auge des Lesers ausgerollt, die aufzeigen, welche Auswirkungen zügellose Kriege und das vorgeblich religiös begründete Streben nach Macht auf die Weltsicht der nachfolgenden Generationen gehabt haben.
Die protoaufklärerischen Ideen und die Selbstverständlichkeit, mit der arabische Gelehrsamkeit und die damals liberale islamische Religionslehre(n) in die Wahrnehmung der Gelehrten im Okzident jener Zeit hineinspielen, sind ein echtes Highlight dieser Geschichte, die auf so vielen verschiedenen Ebenen Reisen und Entwicklungen nachzeichnet und am Ende zwar keine fertige Antworten liefert, aber eines sehr deutlich zeigt:
Wer einfache Antworten erwartet und einfordert, der will und wird betrogen werden.

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